Das Ende des letzten Jahres habe ich ja in doppelter Hinsicht weg von Zuhause verbracht, da ich weder in Berlin noch in Iracambi war. Umso besser hat es sich angefühlt, am 2.1 wieder im zweiten Zuhause, in Iracambi, anzukommen. Endlich wieder ruhige Nächte (die unkontrollierbar lauten Motorräder waren mit das Schlimmste an Cabo Frio), frische Luft, Essen um das man sich nicht kümmern muss und auch die Leute von Iracambi. Aber eine Sache habe ich nicht vermisst.

Den Schimmel.

Mehr will ich dazu eigentlich gar nicht sagen. Vielleicht zwei Sachen. Einmal, woher kommt der Schimmel? Keine Ahnung, vielleicht aus den Wänden, Matratzen oder der Holzdecke, das Eeinzig, was wir wissen, ist, dass er immer wieder kommt solange es feucht ist. Und noch zum anderen, was schimmelt? Bzw. was schimmelt nicht? Alles und nichts. Es schimmeln viele dicke Klamotten (speichern Feuchtigkeit), aber auch teilweise dünnere Sachen, Laptops (?!), Federtaschen und Schlüsselbänder. Fazit: Alles was aus Fasern besteht + Laptops. Dass das scheisse ist, muss ich hoffentlich nicht erwähnen.

Über Weihnachten, ist eine kleine englische Familien aus London zu Besuch bei Iracambi gekommen. Leider waren sie nur noch ein paar Tage hier, nachdem wir gekommen sind und wir haben nicht besoders viel zusammen unternehmen können. Anders ist es bei Joshua und Felipe. Beide sind Freiwillige, die Anfang Januar für ~1 Monat hergekommen sind, um uns bei unserer Arbeit zu unterstützen und ein wenig Ökotourismus zu betreiben. Joshua kommt aus England und Felipe aus Brasilien.

Als die englische Familie noch da war, sind wir (Family, Gabi, Joshua, Ich) zu einem Franziskanerdörfchen in der Nähe gefahren. Dort steht eine kleine Kirche, ein Mehrzweckgebäude mit Kiosk, Gemeinschaftsraum und Küche außerdem eine kleine Hütte zum Beten und Meditieren, die ein paar Minuten im Wald liegt.

Die Franziskanerkirche
Die kleine Hütte im Wald

Brasilien gilt zwar als katholischstes Land der Welt (51%), in Realität ist das aber nicht so extrem, denn die meisten glauben einfach an einen Gott und viel mehr ist ihnen nicht wichtig, die 10 Gebote und der Papst werden nicht immer beim Wort genommen. Bemerkenswet ist aber der Wandel hin zu „Pfingstkirchen“ (hier: Evangélicos) vor allem in der ärmeren Bevölkerung. In diesen Kirchen wird viel mehr auf Nahbarkeit und Zuwendung geachtet, was die Menschen in katholischen Kirchen vermisst haben. Protestantismus spielt hier eher weniger eine Rolle. Vieles davon habe ich so aus meinem Reiseführer gelernt, aber einiges kann ich inzwischen aus Erfahrung bestätigen, zum Beispiel sind hier auf dem ärmeren Land viele der Kinder, mit denen wir gearbeitet haben in einer Freien Kirche/ Pfingstkirche. Und auch dass die meisten an einen Gott glauben merkt man schnell, da viele offen darüber reden und man an vielen Häusern eine Jesusstatue sieht. Wie wichtig es den Menschen ist, dass sie ausgerechnet der katholischen oder eben einer anderen Kirche angehören, kann ich nur schwer selbst beurteilen, dafür haben wir zu wenig über Glauben und die Kirche geredet, aber zumindest wurde noch nicht versucht mich zur katholischen Kirche zu bekennen.

Auf dem Weg haben wir noch diese spannenden Pflanzen gefunden

Mein Ziel für die ersten Wochen im neuen Jahr war es vor allem, mich um die Trails zu kümmern, allem voran, alle Trails kennenzulernen und wanderbar zu halten. Spoiler: das ist mir eher weniger gelungen, denn die ersten 2 Wochen des Jahres hat es im Prinzip durchgeregnet, was die halbprofessionellen Wanderpfade wesentlich gefährlicher machte. Allerdings konnte ich meinem Ziel auf andere Art und Weise näher kommen, denn wir haben die Indoorzeit dann damit verbracht, Weg- und Infoschilder für die Trails, Straßen und andere schöne Orte zu malen.

Die meisten der alten Schilder sahen etwa so aus:

Man sieht: Damit ist schonmal ein großes Upgrade für die Trails getan, sobald die neuen Schilder angebracht sind. Was die Trails weiterhin brauchen, sind erneuerte grundlegende Strukturen, wie z.B. (Treppen-)Stufen oder Seile an steilen Stellen oder Wasserrinnen und Abhang, damit das Wasser kontrolliert vom Weg ablaufen kann, ohne den Wanderweg mitzureißen.

Auch aufgrund des Wetters, war der Jahresanfang für uns recht monoton. Wir haben viel in der Nursery und um unsere Hütten gearbeitet, wenn es nicht geregnet hat, und Schilder gemalt oder pausiert, wenn es regnete. Das Pflanzen der Bäume auf den Wiederaufforstungsgebieten war meist nicht möglich, da der Boden nur aus Schlamm und Pfützen bestand.

Ich weiß nicht, ob ich das schonmal erzählt habe, aber die Autofahrten sind jetzt nochmal abenteuerlicher geworden, da die Straßen vom Regen wortwörtlich ziemlich mitgenommen werden. Somit bleiben Kraterlandschaften und Sümpfe übrig dort wo mal eine Straße war.

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Holprig sind die Fahrten sowieso wegen der steinigen schlechten Straßen und dem klapprigen alten Fiat Mille. Wenn dann aber noch diese Bedingungen dazu kommen, dann passiert es schnell, dass man vor allem steile Stellen nicht passieren kann und an Ort und Stelle umkehren muss oder einen befahrbaren Umweg suchen muss. Naja.

Als sich das Ende der 2 Wochen Dauerregen gezeigt hat, hat sich hier Euphorie und Erleichterung breit gemacht, wir haben gleich die nächste Möglichkeit genutzt, zum Wasserfall zu gehen (oder zu fahren), wir haben Wäsche gewaschen und getrocknet (!), es gab Sonnenuntergänge, blauen Himmel und Sterne. Es war einfach absolut wunderbar. Der Regen ist zwar überlebenswichtig für unsere Umgebung und das wissen wir auch, aber dann soll es lieber 2-3 Tage pro Woche viel regnen anstatt mehrere Wochen lang dauerhaft, das würde ausreichen.

Nachdem wir während des Regens noch neue Schilder gemalt haben, konnten wir jetzt alte Schilder sauber machen, die von Regen und Staub verdreckt wurden. Und das hat einiges gebracht! Nur mit einer Bürste und Wasser haben wir die Schilder, die zum Centro (da wo wir wohnen) führen, abgeschrubbt.

Man sieht, unsere Arbeit zahlt sich aus.

Allerdings hat sich wahrscheinlich noch während des Regens eine Erkältungswelle unter uns breit gemacht, mit der wir noch bis jetzt zu kämpfen haben. Dabei ist irgendwie immer eine oder einer stärker angeschlagen und gibt das dann an den oder die nächste weiter. Aktuell bin ich ein wenig angeschlagen mit üblichen Erkältungssymptomen.

Ich würde ja gerne noch mehr über die letzte Zeit erzählen, allerdings ist wie schon erklärt wirklich nicht viel losgewesen. Felix war zwischenzeitlich weg, um seine Freundin, die grade zu Besuch ist, abzuholen. Joshua hat Iracambi letzte Woche wieder verlassen und ist wieder nach England zurückgekehrt. Und heute Abend haben wir uns lecker Pizza gemacht =D (für mich auch vegan). Das ist immer eine willkommene Abwechslung vom immer ähnlichen Essen, was es hier sonst täglich gibt.

Eine Sache möchte ich noch loswerden, weil viele immer wissen wollen, wie es mir geht. Und zwar beschäftigt auch mich aktuell die Politik in Deutschland und der Welt enorm. Gefühlt gibt es jede Woche immer schlimmere Neuigkeiten aangefange von der US-Wahl und dem Regierungskollaps bis hin zum neuen Mauerfall von der Brandmauer zur AfD. Ein Lichtblick war die angekündigte Waffenruhe in Palästina und die Freilassung der Geiseln. All diesen negativen Nachrichten fühle ich mich immer so hilflos ausgesetzt, da ich alleine ja nichts dagegen tun kann und in meinem Umfeld alle ähnlicher Meinung wie ich sind bzw. ähnliche Grundwerte haben, weshalb ich nicht verstehen kann, wie Menschen wie Trump und die Rechten in Europa jeden Tag mehr Macht erlangen, obwohl sie offensichtlich nicht das Beste für alle im Land wollen. Aufgrund solcher Ereignisse, die immer noch Schlimmeres befürchten lassen, mache ich mir sehr viele Gedanken über die Zukunft, und das meiste davon sind Ängste. Wenn ihr also etwas für mich, für die Demokratie und für die Menschen tun wollt, dann geht im Februar wählen, gegen Rechts! Nie wieder ist jetzt!

Peace out!

Euer Emil


6 Antworten zu „Ein langweiliger Jahresstart“

  1. Avatar von Bernd H
    Bernd H

    Lieber Emil,

    dass die Rechten nicht durchkommen dafür kämpfen wir hier auch und ich bin zuversichtlich. Não há paseran!

    Daher Kopf hoch und bleib optimistisch.
    Liebe Grüße
    Bernd

  2. Avatar von A.L.
    A.L.

    So sehr der Regen und die Politik die Stimmung vermiesen können, bleib zuversichtlich. Wir waren bei der Demo hier in Berlin letzte Woche mit 35000 anderen. Das macht doch Mut. Und ja, jede Stimme zählt.
    Mir hat auch das Franziskanerkirchlein und die Meditationshütte besonders gut gefallen, auch ein Zeichen der Unermüdlichkeit.

  3. Avatar von JD
    JD

    Hey Emil,

    dein Blogeintrag war mal wieder ein absolutes Abenteuer zwischen Schimmel, Schildermalerei und Schlammfahrten! Ich musste echt lachen, als du geschrieben hast, dass alles schimmelt – inklusive Laptops?! Vielleicht solltet ihr den Schimmel als neue invasive Art anerkennen und ihm einen eigenen Platz in der Nursery geben.

    Trotz der witzigen Anekdoten und der Pizza (sehr gute Wahl übrigens!), hat mich dein letzter Abschnitt besonders berührt. Die politische Lage fühlt sich gerade an wie eine dieser unbefahrbaren Straßen, von denen du schreibst – überall Krater, Sümpfe und gefährliche Abhänge. Es ist beängstigend, aber genau wie ihr eure Trails mit neuen Schildern und stabilen Wegen sicherer macht, müssen wir jetzt unsere Demokratie sichern. Und das bedeutet: laut sein, handeln, wählen! Die Hoffnung liegt nicht in Resignation, sondern darin, dass wir jetzt den Kurs bestimmen.

    Bleib so engagiert, mutig und schimmelresistent wie du bist!

    Peace & Power
    JD

    1. Avatar von loellipop

      Es freut mich, dass Du mich immernoch so fleißig auf meinem Abenteuer begleitest und immer so schöne ermutigende Kommentare schreibst. Danke dafür!

  4. Avatar von SiSa
    SiSa

    Hi Emil,
    von Europa aus gelesen, klingt Deine Beschreibung gar nicht langweilig sondern spannend! Wobei, ich habe gut lachen: mein Laptop ist immer noch sporenfrei (virenfrei auch, noch…) und unsere Straße ist neben den Schlaglöchern immerhin existent. Das klingt nach einer echten „Durchhaltephase“, in der du steckst!
    Mich hat berührt, dass wir über den Ozean hinweg ähnlich fühlen, was die politische Situation angeht. Und während wir hier auf Demos gehen, Gespräche führen und Wahlkampf machen, tust Du, was bei dir vor Ort halt bei Regen möglich ist: Lebensgrundlagen erhalten, Wege bauen und erhalten, Arten am Leben erhalten und Pflänzchen aufziehen. Bald kommt die Zeit, wo ihr auch wieder pflanzen könnt – oder hat sie schon angefangen?
    Bleib zuversichtlich, es lohnt sich!

    1. Avatar von loellipop

      Wir Pflanzen immer wenn es Aussicht auf Regen gibt, da wir eine große Auswahl an Bauarten pflanzen und die Jahreszeiten von den Temperaturunterschieden nicht sehr stark sind. Das heißt wir haben schon seit meiner Ankunft gepflanzt. Die Regenzeit dauert auch noch ein bisschen (1-2 Monate), wie es danach weitergeht weiß ich noch nicht genau.
      Liebe Grüße und bleibt gesund 🌱💚

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